Der Brocken zum Jubiläum

"Brocken-Challenge" lautete an diesem Wochenende das Ziel unserer Reise und es sollte ein besonderer Ausflug werden: Mirko hatte nicht nur seinen 43. Geburtstag am Samstag zu feiern, es sollte – nach perfekter Planung und Ausführung – auch genau sein 100. Marathon/Ultra werden. Und das ganz besondere dabei ist, dass es genau jeweils 50 Marathons und Ultras in seiner Statistik stehen. Die 99 bisher hatten ganz gut geklappt – jetzt sollte auch der 100. werden!

Die erste Etappe haben wir schon mal gut gemeistert: Wir kamen pünktlich von Arbeit weg, hatten keinen Stau auf der Autobahn (nur auf der Gegenspur staute es sich heftig auf 10 Kilometern Länge) und wir kamen sogar pünktlich zum Briefing in Göttingen an. Diese Einführung in den Lauf fand in einem Hörsaal der Sporthochschule statt und war sehr gut besucht: 200 Teilnehmer, manche mit Anhang – die Luft im Raum stand. Ein wenig quälend langsam ging es los, mit der Vorstellung der Helfer und Spendenempfänger, aber als es zur Beschreibung der Strecke ging, nahm die Veranstaltung Fahrt auf.

Nach 90 Minuten hatten wir uns dieser Pflichtaufgabe entledigt, konnten Mirko, Marianne, Joy, Schweini, Arabella, Britta und René begrüßen. Ralle und Kerstin hatten wir schon unten gesehen – Ralf konnte leider wegen einer OP (schon überstanden) nicht mitlaufen. Wir machten uns gleich auf zur Unterkunft, um ein warmes Abendbrot zu erhaschen. Im edlen Ambiente schwatzten wir dann – mal wieder von vergangenen und zukünftigen Läufen – und ließen es uns schmecken. Sehr lange ging es allerdings nicht (bis ca. 22 Uhr), da die Läufer am nächsten Tag bereits um 4:45 Uhr das Taxi bestellt hatten (OMG!)

Nicht ganz munter, aber immerhin auf zwei Beinen und mit allem notwendigen ausgerüstet, ging es dann am nächsten Tag also mit dem Taxi zum "Hainzhof", wo wir ein leckeres und gutes, veganes Frühstück bekamen. "Vegan" war überhaupt während des ganzen Laufs angesagt und so gab es veganen Kuchen, vegane Chorizo und vegane Wiener. Mal mehr und mal weniger lecker.
Draußen, vor der Scheune, in der wir frühstückten, bekamen wir schon mal einen Vorgeschmack auf das, was uns erwarten sollte: Es war verschneit, kalt und windig. Und da wir bis zum Start ungefährt 10 Minuten vor der Tür standen, klapperten mir auch ziemlich schnell die Zähne.

Als es dann aber endlich los ging, war es einfach nur schön: Die Stirnlampenkarawane schlängelte sich vor uns den Weg entlang, Fackeln standen am Rand und im Schein der Lampe sahen wir den Schnee leicht und sanft fallen. Nette Gesellschaft hatten wir zudem, da sich u.a. Simone Stegmeier (von der LG Nord) zu uns gesellte und ein paar Schwänke erzählte. Und es ist einfach phantastisch, in den anbrechenden Morgen zu laufen.
So verging die erste Hälfte der Strecke recht angenehm und in gemütlichen Tempo und durch die Bewegung, machten uns auch die äußeren Bedingungen nicht all zu viel aus. Die VP’s waren in guten Abständen angeordnet (ca. 11 km) und hatten ihr Büffet reichhaltig gedeckt. "Gar nicht so schlecht", dachte ich und fragte mich, wann eigentlich die Schwierigkeiten beginnen würden. Aber da lag der "Entsafter" ja noch vor uns…

Der Entsafter bei der Brocken-Challenge ist der Abschnitt zwischen Kilometer 42 und 63. Das fiese an ihm sind gar nicht mal die Höhenmeter (obwohl es schon ein Stück bergauf geht), sondern der Abschnitt zwischen Kilometer 54 und 63. Durch wadenhohen Tiefschnee geht es, man muss sich den Weg praktisch wühlen und hätte ich meine Stöcke nicht gehabt, hätte ich vermutlich alle 100 Meter eine Pause einlegen müssen. Ein fieses Stück! Und da mich quasi zeitgleich eine Müdigkeit und Kopfschmerzen überfielen, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich den Lauf heute finishen würde. Was gerade wegen des Jubiläums wirklich traurig gewesen wäre.

Aber Mirko hat sich meiner erbarmt, blieb in der Nähe und so musste ich nur stur durch den Schnee stapfen. Und tatsächlich: Kaum hatte ich die Wanderstöcke herausgeholt, versucht, mich mit den Bedingungen anzufreunden, da wurde es besser. Wir kamen zwar immer noch langsam wie die Schnecken voran – aber es machte mir nichts mehr aus 🙂
Und wieder einmal merkte ich, was beim Ultralaufen ganz wichtig ist: Denke nicht an den Rest der Strecke, sondern denke immer nur an deinen nächsten Schritt. Wer weiß schon, wie es dir in einem Kilometer geht.

Als wir an der Lausebuche (Kilometer 63) waren, waren die Füße zwar vollkommen durchgeweicht, aber ich war so froh, das mentale Tief überwunden zu haben, dass mir das gar nichts mehr ausmachte. Für heute würde mich so schnell nichts mehr schocken können.
Und der Rest ist auch schell erzählt: Auf den letzten 17 Kilometern folgten noch ein paar Höhenmeter – aber eigentlich nichts Aufregendes, denn der Knaller am Ende – vor dem ich die ganze Zeit Angst hatte – blieb aus und es ging ganz gemütlich zum Brocken hoch. 12 Kilometer vor dem Ziel kamen wir noch an einem Restaurant vorbei, dass für seine "Riesenwindbeutel" berühmt ist und da konnte ich natürlich nicht widerstehen. Die Dinger sind wirklich riesig und auf Grund der Kälte hatte ich leider nur einen geschafft (ansonsten wären mir ohne die Handschuhe die Finger einfach abgefallen).
Ein bisschen verirrten wir uns noch 10 Kilometer vor dem Ziel und wählten quasi eine Alternativ-Route (wieder Tiefschnee!), aber auch das hielt uns nun nicht mehr auf. Wir kamen dadurch zwar am letzten VP 2 Minuten hinter dem Zeitlimit an, aber als sie uns fragten, ob wir aufhören wollten, konnten wir nur ungläubig lachen. 7 Kilometer hatten wir noch vor uns – und was sind schon sieben Kilometer im Leben eines Ultraläufers?
Die Helfer hatten dafür Verständnis und ließen uns unserer Wege gehen. Mirko drehte noch mal ordentlich auf und so kamen wir am Ende eine Viertelstunde vor dem Zeitlimit ins Ziel. Natürlich als Letzte – aber schließlich war ich ja auch für das Team Hanka gestartet 🙂

Rückblickend war es so, wie der Veranstalter seinen Lauf überschrieben hatte: "kalt – hart – schön", aber von der Schönheit habe ich gar nicht so viel mitbekommen, weil die Augen eigentlich permanent auf den Weg gerichtet waren. Die Tour ist also wirklich lieber im Sommer zu empfehlen, wenn man den Blick auch mal in die Landschaft schmeißen kann. Aber immerhin: Brocken Challenge gemeistert, Jubiläum geschafft und überlebt. Also alles richtig gemacht.

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Eine Antwort to “Der Brocken zum Jubiläum”

  1. Hoppelchen Says:

    Wunderbar gemacht, Stefan. Nix für mich aber schön zu lesen.
    Gruss Hoppelchen

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