In den Straßen Berlins

Viel vorgenommen hatten wir uns. Silke wollte gern das erste mal unter 4 Stunden laufen und entsprechend flott (für unsere Verhältnisse), liefen wir auch los. Dank eines herrlichen Sonnenscheins und ganz, ganz vieler Zuschauer liefen die Beine aber schon fast wie von alleine. Immer wieder jubelte es von der Seite, wurde geklatscht, gejohlt und sehr oft ein „Go tiger, go!!!“ gebrüllt. Ich musste jedes mal Grinsen, wenn ich solche Sprüche hörte oder mitbekam, wie Mütter ihren Kindern sagten: „Kuck mal, ein Tiger!“ Ich glaube, das ist der wahre Grund warum ich a) so gern in Berlin laufe und b) so gern verkleidet unterwegs bin: Es macht einfach eine tolle Stimmung und bringt – bei mir und bei den Zuschauern – immer wieder ein Lächeln in die Welt.

Die Strecke war uns ja schon seit den letzten Jahren bekannt und so mussten wir uns nicht all zu sehr konzentrieren, sondern konnten – neben der Unterhaltung – noch Ausschau nach anderen Läufern halten. So sahen wir unter anderem das Zebra „Valeri“, Billy von den Streakrunnern und auch Hajo Meier – der seinen 15. Marathon in Berlin lief und gleichzeitig Jahresbestzeit – überholten wir vor der Hälfte. Wir waren wirklich gut auf Kurs und beim Viertel und erstem Drittel zeigte sich, dass das Ziel von sub 4 nicht unrealistisch war.
Aber da der Lauf länger als 20 km ist, musste ich – fast zwangsläufig – zwischen Kilometer 10 und 20 (diesmal bei 19) in ein Café abbiegen. Es wurde ein ziemlicher LS (statt eines QK), aber so konnte ich immerhin wesentlich erleichtert zurück auf die Strecke gehen. Silke war schon weitergeflitzt und ich machte mich an die Aufholjagd. Und selbst mit der Unterbrechung war ich bei der Halbmarathon-Marke noch mit fast genau 2 Stunden völlig im Plan.
Weiter ging die Tour und schon tauchte der erste 4:00-h-Zugläufer schon wieder vor mir auf und konnte am Wasserstand bei Kilometer 23 versägt werden. Ich war guter Dinge, hoffte Silke in 10 Kilometern wieder einzuholen und dachte natürlich, dass wir dann das große Ziel auch schaffen würden. Aber wie so oft, kommt es erstens anders und zweitens als man denkt. Nur 500 Meter nach dem Einholen „meines“ Zugläufers, kam der Mann mit dem Hammer. Ich habe keine Ahnung wieso – und es war auch noch nie so plötzlich aufgetreten -, aber es zog mir buchstäblich die Beine weg. Von einem Moment auf den anderen hatte ich keine Kraft mehr, konnte nicht mehr rennen und fühlte mich ab dem Bauchnabel abwärts quasi gelähmt. Ich konnte zwar noch im Ultraschlappschritt weiterlaufen, aber die zügige Dynamik und der Schwung waren vollkommen verpufft.
Nun, ich will nicht jammern (obwohl mir zwischen Kilometer 25 und 30 durchaus danach zumute war ;-)) – irgendwie gehen auch solche Phasen vorbei. Ich akzeptierte mein Schicksal, drückte Silke aus der immer größer werdenden Ferne die Daumen, zog die Tiger-Kapuze enger über den Kopf und gab mich – geschlagen – den letzten Kilometern hin. Aufgeben wollte ich auf keinen Fall – schon deshalb nicht, weil ich in ein paar Jahren ja auch im Jubilee-Klub vom Berlin-Marathon sein möchte – und trottete also dem Ziel entgegen. Dabei half das Kostüm ungemein. Zwar ist es relativ störend, wenn man seine Ruhe haben will (und langsam), weil jeder zehnte überholende Läufer einem auf die Schulter klopft oder am Schwanz zieht – aber als die schlimmste Phase überstanden war, freute ich mich über jede Aufmunterung und genoss den Trubel wie vorher.
Überwältigend, schön, großartig und phänomenal war es schließlich am Potsdamer Platz ankamen und das Ziel tatsächlich nur noch 3 Kilometer vor uns lag. Jetzt wusste ich, dass es wieder einmal geschafft war, dass Berlin einfach doch die tollste Marathonstrecke ist wo gibt und dass man alles schaffen kann, wenn man nur hartnäckig bleibt.
Und obwohl mir natürlich alles viel zu voll war, der Marathon völlig überteuert ist und im nächsten Jahr auf Grund des Jubiläums wahrscheinlich noch mehr Hektik beim Lauf ist, werde ich selbstverständlich wieder an den Start gehen und die phantastische Stimmung der Läufer und Zuschauer genießen. Mit oder ohne Einbruch – völlig egal 🙂

Getigerte Grüße

Stefan

P.S.: Jetzt habe ich ganz vergessen zu erzählen, dass Silke wirklich die 4-Stunden-Marke gesprengt hat. Sie kam nach 3:54 ins Ziel und war natürlich und völlig zu Recht stolz wie Bolle 🙂

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