Lernen von Daniel

Mal wieder eher zufällig bin ich an mein aktuelles Buch geraten. Im Regal stand es schon 2 Jahre (ich greife häufig in Buchhandlungen zu einem Buch, obwohl ich keine Ahnung habe, wann ich es eigentlich lese) und fiel mir jetzt wieder in die Hände. Es ist "Wolkenspringer" von Daniel Tammet (der auch "11 ist freundlich, 5 ist laut" geschrieben hat) und beschreibt die Welt aus seiner Sicht. Daniel ist Autist, der sich jedoch trotz dieser Besonderheit sehr gut ausdrücken kann, ein großes Allgemeinwissen besitzt und viele intensive soziale Beziehungen hat. Nebenbei kann er 22.000 Stellen von Pi fehlerfrei aufsagen.

Daniel ist zum einen so faszinierend, weil er auf einige Aspekte des Lebens (zum Beispiel Zahlen und Wörter) einen ganz speziellen Blick hat. Sie erscheinen ihm plastischer und haben quasi eine eigene Persönlichkeit – fast wie eine Landschaft oder ein Gemälde. Es ist toll zu lesen, wie Daniel es beschreibt, wenn er bestimmte Wörter auskostet, sich auf der Zunge zergehen lässt oder genießt. Fast wie ein Gourmet ein gutes Essen.

Aber nicht nur deshalb finde ich das Buch so anregend. Es beschäftigt sich generell mit dem menschlichen Denken (an meiner aktuellen Stelle mit der Sprache) und bietet viele Einblicke in die Erforschung des menschlichen Geistes und des Gehirns. Vieles werde ich wohl ruckzuck wieder vergessen haben (übrigens auch noch ein Thema, das relativ unbekannt ist: das Vergessen), aber ein paar Informationen bleiben auch hängen und es ist einfach interessant zu lesen.
So gab es zum Beispiel eine Untersuchung, welche Merkmale (fast) alle Sprachen auf der Welt gemeinsam haben. Quasi die "Basis der menschlichen Sprache". Und es wurden (für mich überraschend) sehr viele Gemeinsamkeiten festgestellt. Unter anderem, dass in den Sprachen das Subjekt immer vor dem Objekt genannt wird (Warum wohl? ;-)), dass es überall "Babysprache" ("motherese") gibt, in der Erwachsene mit Kleinkindern reden (hohe Tonlage, gurrend). Oder dass es überall Sprichwörter und Redewendungen gibt und noch viele weitere Beispiele.

Das alles zeigt, dass unsere Sprache nicht nur anerzogen, kein reines "Kulturprodukt", ist, sondern dass es tatsächlich einen tief verwurzelten "Instinkt für die Sprache" gibt. Dieser wird zwar nur aktiv, wenn wir tatsächlich mit anderen sprechen, aber selbst dann ist das Erlernen der Muttersprache nicht ein einfaches "Nachplappern", sondern eine bewusste Reflexion von Regeln, ein Annehmen und Erlernen von Grammatik und Phonetik . Das alles lässt sich zwar schwer auf das Erlernen einer Fremdsprache anwenden, schon aus dem Grund, weil andere Hirnareale benutzt werden für die neue Sprache, die man als Erwachsener lernt – aber auch hierfür gibt Daniel Tammet praktische Tipps. Und er muss es wissen: Schließlich schafft er es, eine ganz neue Sprache in ungefähr einer Woche fließend zu sprechen.

Gut die Hälfte des Buches habe ich noch vor mir – aber schon jetzt habe ich Lust, tatsächlich auch mal wieder mein Französisch anzupacken, um nicht nur immer stottern zu können, wenn ich mit Franzosen spreche. Ich bin gespannt, was sich daraus ergibt – und beim nächsten Transeuropalauf (wenn es denn einen gibt) kann ich den französischen Läufern vielleicht auch fließend etwas über Berlin und seine schönen Seiten erzählen, statt immer nur andächtig (und etwas verzweifelt) zuzuhören.

A bientôt.

Stephane

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