Some kind of paranoia

Von Beispielen aus Frankreich und Japan hatte ich schon gehört, wo Google dazu verpflichtet wurde, bestimmte Such-Ergänzungen nicht vorzuschlagen. In Frankreich ging es um die Religion von Präsidentschaftskandidat Hollande und in Japan ging es um einen Arbeitsplatzverlust wegen angeblicher „Verleumdung“. Eine schöne Übersicht findet man hier. Nun also auch Deutschland und Bettina Wulff!

Aber Moment? Es setzt sich ja nun kein Google-Entwickler hin und denkt sich hübsche Erweiterungen zu Suchbegriffen aus. Das machen doch nur die Jungs vom Postillon.

Was soll also die Aufregung? Nur, weil uns Google (oder Bing oder Yahoo oder …) den Spiegel vor die Nase hält und unserer Gesellschaft zeigt, was sie eigentlich sucht? Man könnte argumentieren, dass solche automatischen Vorschläge quasi selbsterfüllende Prophezeiungen sind: Wenn einem der ungefähr passende Begriff vorgeschlagen wird, sucht man vielleicht nicht nach einem anderen, damit wächst das „Konto“ für den Begriff wieder um 1 und er wird dem nächsten wieder mit ein bisschen höherer Wahrscheinlichkeit vorgeschlagen. Dadurch können sich „Trends“ (oder auch: Shitstürme im Wasserglas) recht leicht etablieren – aber es ist meiner Meinung nach genauso davon auszugehen, dass ein Trend auf die gleiche Art und Weise wieder verschwindet. Wenn die Person oder Sache aus den Medien (und den Köpfen) verschwindet, wird man vermehrt bei den Suchen nicht mehr den Suchvorschlägen nach dem (jetzt vergangenen) Trend suchen – sondern einfach nach dem suchen, was man eigentlich suchen wollte.

Die Auto-Vervollständigung schadet also demjenigen, der „vervollständigt“ wird nicht, weil sie ja doch nur einen Trend widerspiegeln kann (gemäß des Algorithmus), der real existiert. Schadet sie denn aber dem Suchenden?
Sicher wird man ab und zu abgelenkt, kommt auf Seiten / Themen, zu denen man eigentlich gar nicht wollte und kann sich also im Internet schneller „verlieren“. Aber bitte! Wenn das ein Argument gegen die Auto-Vervollständigung von Google ist, dann gehört aber auch sofort Wikipedia verboten. Und Hyperlinks. Ach: Das ganze World Wide Web. Denn wie oft ist es mir schon so gegangen, dass ich – ganz ungewollt und spontan – von einer Seite auf die nächste gekommen bin, gelesen und gestöbert habe und plötzlich wieder ein paar Stunden um waren.

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2 Antworten to “Some kind of paranoia”

  1. Dietrich Says:

    … gestöbert wurde seit Jahrzehnten, mit viel Vergnügen und persönlichem Wissensgewinn in Lexika (ganz „handgreiflich“ aus Papier – und gebunden), warum sollte das online nicht auch so sein?
    Und bei „real“ fehlt in Deinem Beitrag auch das AutoComplete zu „real,-“ – schließlich geht es doch heutzutage (wirtschaftlich betrachtet) immer um die Stellen nach dem Komma, um zu verdunkeln, daß es noch viel mehr um die Stellen vor dem Komma geht.
    Aber: Wer ist eigentlich Bettina W.?

  2. Annimistrator Says:

    Naja, es ist bestimmt ein zweischneidiges Schwert, diese Gegenüberstellung von Freiheit und Verantwortung (es regt mich z.B. immer wieder wahnsinnig auf, wenn man meint, dass Autofahrer eigenverantwortlich entscheiden können/sollen, ob sie nach dem soundsovielten Bier noch fahrtüchtig sind)…
    Aber bei einem Dutzendnamen wie Bettina Wulff ist es schon ziemlich happig, wenn Gugl bereits nach „bet“ als erstes „bettina wulff prostituierte“ vorschlägt. Ich vermute mal, dass es deutschlandweit dutzende Bettina Wulffs geben wird, die wie ihre ehemalige First Lady not amused sind.
    … und der eine oder andere, der vielleicht nach „betablocker“, „betzenberg“ oder meinetwegen auch „bettwanzen“ („bettwanzen“ kommt übrigens noch vor „bettwäsche“!) gucken wollte, wird dann doch mal dem einen oder anderen vorgeschlagenen Link folgen 😉

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