Baltisches Gerenne – 4. Tag (Langfassung)

Versprochen ist versprochen – und so muss ich wohl noch mal den vierten Tag des Baltic-Runs gedanklich und schriftlich aufrollen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob mir dies vollständig gelingen kann, denn mein (Kurzzeit-)Gedächtnis – oder besser gesagt: Erinnerungs-Vermögen – ist wirklich schlimm! Da fällt mir Rudi Assauer ein, der im Buch zu seiner Alzheimer-Krankheit geschrieben hat, dass dies – das komplette Vergessen der eigenen Vergangenheit – das einzige war, wovor er Angst hatte. Mir geht es da nicht so, denn solange die Gegenwart gut ist und die Zukunft offen, ist die Vergangenheit aus meiner Sicht nicht so interessant und wichtig. Aber natürlich spielt bei einer Alzheimer-Erkrankung noch viel mehr mit als nur die "Gedächtnislosigkeit": Pflegebedürftigkeit, Abnahme von sozialen Kontakten, Verwirrung, Desorientierung und und und. So bin ich also doch ziemlich froh, dass ich "nur" ein schlechtes Gedächtnis habe, was persönliche Erlebnisse angeht, und keine schwere Krankheit wie Alzheimer.

Aber ich schweife ab. Ich wollte ja über den vierten Tag berichten und dieser ging los, wie der dritte aufgehört hatte: Mit einer anständigen Wärme. Jörg hatte den Start für die Frühaufsteher extra um eine halbe Stunde auf halb sieben nach vorn verlegt, aber dennoch waren schon ab Eggesin (unserem neuen Etappenort – statt Ueckermünde) Temperaturen um (gefühlte) 20 Grad, sodass ich von Anfang an fleißig an der Flasche nippte.
Den Trinkrucksack hatte ich nach dem ersten Tag abgelegt, weil er ein bisschen am Rücken drückte (komisch: dies trat ausgerechnet beim Baltic-Run zum ersten mal auf) und ich lief stattdessen mit einer kleinen Powerade-Flasche (0,5 Liter) in der einen Hand und meinem Telefon in der anderen. Mehr brauche ich nicht zum glücklichen Laufen 🙂

Am Mittwoch hatte ich es jedenfalls geschafft, vor VP 1, 2, 3 und 4 den halben Liter jeweils komplett aus zu trinken, sodass ich für die Hitze des Tages (ca. 30 Grad Celsius) ausreichend hydriert war.
Zunächst ging es aus Eggesin heraus auf die "gewohnte" Strecke. Die 3. Etappe, die früher ca. 73 km maß war auf 66 km gekürzt worden und das Stück musste jetzt natürlich noch "nachgeholt" werden. Dadurch war die 4. Etappe jetzt 70 statt 63 km lang. Aber aus meiner Sicht war es genau die richtige Entscheidung, denn so waren die Etappen ausgeglichener und ich hatte mich am vierten Tag schon wesentlich besser an die Hitze gewöhnt und kam besser damit zurecht.
Also erst mal raus aus Eggesin, über Hoppelhausen (oder so ähnlich – der Name erinnert mich immer an unser "Hoppelchen" Silke Stutzke) nach Ueckermünde hinein. Es war schon komisch, diese bekannte Strecke noch so relativ frisch und ausgeruht zu laufen. Wenn ich in den letzten zwei Jahren hier vorbei gekommen bin, lief ich immer schon komplett auf dem Zahnfleisch 😉
Es ging auch wieder am Markt vorbei, wo Ecky uns die letzten Jahre so lautstark angepriesen hat und schließlich weiter in Richtung Norden.

Nach Ueckermünde geht es zunächst durch kleinere Ortschaften (schön, um dort Urlaub zu machen!) und unter anderem an einer Kirche vorbei, an der mein Lieblingsspruch aus der Bibel eingemeißelt ist: "Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubet" (Mk 9,23 – es ist ja nicht gesagt, woran man glauben muss ;-)). Noch ein paar Kilometer geschlängelt durch einen schönen und schattigen(!) Wald und dann stand auch schon der zweite VP mit Anett und Marco, unseren Physiotherapeuten, da. Antje, die Dritte im Bunde, musste auf Grund Urlaubsmangels schon wieder nach Hause fahren.
Und ab da begann dann die Hitzeschlacht: Es ging auf dem Fahrradweg über offene Felder, vorbei an Mais und Weizen (glaube ich) und immer unter der brütenden Sonne. Zum Glück hatte ich zum einen meine Wüstenkopfbedeckung auf und zum anderen waren für diesen Tag 8 VP’s und viele "Zwischenstellen" mit Wasser eingerichtet – die das Laufen so sehr erleichterten!

Ich merke schon: Ich komme wieder in’s Schwafeln und muss mich kurz fassen! Weiter ging es durch schattenlose, aber wunderschöne Gebiete wie das Rosenhäger Beck, wo man viele Wasservögel sehen kann (hätte ich Hajo bei mir gehabt, hätte er mir sicher sagen können, was alles auf dem Wasser schwimmt) und immer in Richtung Anklam, wenn auch nicht immer auf direktem Weg. Auf Grund eines Unfalls (zum Glück war kein Helfer das Baltic-Runs beteiligt), musste der 4. VP vorgezogen werden und so lagen zwischen dem 4. und 5. VP 12 Kilometer. Da ich aber gerade bei Elisa und Nick am 3. VP war, habe ich nicht noch mal angehalten, sondern bin mit meiner Portion Wasser durchgerannt. Letztendlich stand Jörg dann doch an der ursprünglichen Stelle des 4. VP’s und schenkte Wasser und Cola aus, aber da ich mich auf 15 km "Durststrecke" eingestellt hatte und die Flasche noch halb voll war, lief ich einfach durch.
Dies wäre mir fast zum Verhängnis geworden, denn der Weg bis zum 5. VP (von Jörg an noch 7,2 Kilometer) zog sich ewig hin und die Sonne brannte. Ich teilte mir mein Wasser vorsichtig ein und es reichte auch bis zum Posten, aber ich war so kaputt, als ich da ankam, dass ich mich sofort in den Schatten setzen musste und ungefähr einen Liter Eistee in mich hineinkippte. Jörg Kaltwasse, Steffen Jahn und Sabine Weidener (eigentlich eine Läuferin, die aber auf der 4. Etappe aussetzte und am VP aushalf), kümmerten sich aber rührend um mich und die anderen Läufer, die währenddessen ankamen, sodass ich nach 10 Minuten quasi komplett wiederhergestellt war. Besonders toll war, dass es an VP 5 immer heiße Bouillon gab und oft selbstgemachten Salat (Nudel- oder Kartoffelsalat) von Jörg. Das bringt einen wieder prima auf die Beine.

Nachdem diese "Krise" überstanden war, liefen die restlichn 29 Kilometer fast wie von allein. Es ging noch durch Anklam durch, dann im Wald auf die Brücke zu und endlich waren wir an der Ostsee – oder haben zumindest schon mal eine größere Menge Wasser gesehen 😉
Und die letzten 10 Kilometer auf der Insel waren dann wirklich nur noch "Zugabe", weil wir uns schon so sehr auf Frau Natzke und ihr tolles Essen freuen konnten. Ich wollte im Gasthaus Natzke eigentlich noch ein Pre-Finisher-Bier holen, aber Sascha erzählte mir, dass sie noch eine Trauergesellschaft haben und da wäre es nun wirklich nicht angebracht, in rosa und fröhlich strahlend herein zu platzen. So trug ich mein dickes Zeitpolster (über 1 Stunde auf das Zeitlimit!) ins Ziel und ließ mir mein Bier mit Sascha dort schmecken.

Advertisements

Eine Antwort to “Baltisches Gerenne – 4. Tag (Langfassung)”

  1. Hoppelchen Says:

    Den Spruch an der Kirche sah ich auch und dachte noch: Mensch selbst die denken an und Baltic Runner.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s