… second for the glory

Da saßen wir nun, die müden Krieger. Die Hälfte lag noch vor uns und die ersten Läufer stiegen schon aus. Teils auf Grund von Verletzungen, teils auf Grund von Materialversagen (obwohl das bestimmt zu beheben gewesen wäre!) und auch Petra machte sich schon ernsthafte Gedanken. Ihr rechter Fuß war eine einzige Blase und dazu kam natürlich die Erschöpfung der ersten 80 Kilometer. Aber sie hatte noch nie ein Rennen abgebrochen und wollte es nicht so leichtfertig tun: „Wenigstens noch bis Eberholzen“ (also zum VP), war der Plan und dieser Kampfgeist ist wirklich bewundernswert, denn die letzten 10 Kilometer der ersten Runde waren schon sehr schwierig gewesen.

 
Hanka war recht spontan auch noch zur Halbzeit gekommen – obwohl sie ja hätte ausschlafen können – und sprach uns noch Mut für die zweite Runde zu. Aus ihrem Blick sprach ein bisschen Skepsis, aber sie hat sich wirklich ganz exzellent zurückgehalten mit ihren Bedenken. Etwas, was ihr bestimmt nicht leicht gefallen war (und wohl noch schwerer bei Kilometer 126). Aber das macht eine so tolle Betreuerin ja aus: Selbst wenn die Schützlinge aussehen wie Tod und Elend, dagegen zu halten und zu ermuntern. Es wird schon weitergehen….
 
So machten wir uns also frisch gestärkt auf den zweiten Teil der Strecke und es war buchstäblich ein Unterschied wie Tag und Nacht, die Wege mal im Hellen zu sehen. Bisher war ich immer nur im Stockdusteren durch den Hildesheimer Wald gehirscht und jetzt sah ich, dass die Gegend auch bei Lichte gesehen ganz hübsch war. Windig war es bloß immer noch genau so doll und so mussten wir uns auch teilweise weiterhin förmlich gegen den Wind stemmen.
Auf dem ersten Abschnitt hat sich dann leider gezeigt, dass es für Petra nicht mehr ging. Sie kam einfach nicht ins Rollen und es lagen nach dem ersten VP noch gute 55 Kilometer vor uns – die sie ungefähr noch 10 bis 15 Stunden gekostet hätten. Das war zu viel und so musste sie für heute sagen: Das war’s. Aber auch dazu gehört viel Mut und Wille, dass man sich nicht einfach kaputtläuft, sondern die eigenen Grenzen erkennt und schließlich war ihre Freundin Britta zum VP gekommen, die sie über das Aussteigen trösten konnte (in allererste Linie erst mal mit einer dicken, warmen Decke).
 
So zog ich allein mit Stevie weiter, der uns bei Kilometer 8 – leicht verwirrt – ganz plötzlich entgegen gekommen war. Das wird für mich wohl das bleibende Bild beim Run2Kill 2012: Wie Stevie plötzlich uns entgegen geschlendert kommt. Ich dachte erst an eine Fata Morgana, aber nein!, er war es wirklich.
So machten wir uns also zu zweit auf den Weg und es wurde, auf Grund der zurückgelegten Kilometer sehr schweigsam. Jeder kämpfte mit dem Weg, der Kälte, der Erschöpfung und nur ab und zu kam mal ein Geschichtchen oder eine Anekdote herübbergeflogen. Aber das ist ja auch das Schöne bei Läufern: Sie müssen sich nichts sagen, nicht immer schwätzen, Schweigen kann angenehm sein.
Weniger angenehm war ein Pflasterstein – ich kann es nicht anders sagen -, der im Wege lag, als wir einen Hang hinunterrannten. Geröllig war es fast auf dem ganzen Weg, aber die meiste Zeit hatte die Konzentration noch gereicht, um fiesen Wurzeln, lose Geröll oder einfach auch nur Schlaglöchern auszuweichen. Aber dieser Stein, in finsterer Nacht hinterhältig auf dem Weg – er rammte meinen eiskalten Zeh und ich schrie nur noch laut: „FUCK!“ Der Nagel ist immer noch blau, löst sich aber anscheinend nicht ab, sondern wächst so ganz langsam vom Körperstamme weg. 
Kurz später (d.h. wenige Kilometer danach – gedauert hat es natürlich ewig) kam der Verpflegungspunkt (die letzte Labestelle) wieder in Sicht und wir konnten uns mental auf die letzten 32 Kilometer – also die allerschwierigsten – einstellen.
 
Diese waren dann allerdings – ich kann es kurz machen, denn der Bericht hat ja tatsächlich schon wieder Überlänge – überraschend angenehm. Natürlich war es hart, vom warmen, kuscheligen VP und der Betreuung durch Hanka aufzubrechen, auf das windige Feldstück (2 Kilometer durch den Schlamm mit Wind und Wetter) – aber zum einen waren Wind und Wetter nicht mehr so schlimm, wie die ersten 3 Male auf diesem Weg und zum anderen war der Schlamm inzwischen getrocknet.
Und so stellte sich fast die ganze letzte Etappe (ca. von 17:30 Uhr bis 23:30 Uhr) als angenehmer als gedacht heraus. Die 5-Kilometer-Marken, in die ich mir die Strecke bis zum Ziel eingeteilt hatte, flogen vorbei und ca. 20 km vor dem Ziel kam noch mal ein echter Trail-Abschnitt (mit Wurzeln, Steinen, Abhängen, glitschigen Blättern – alles was man so braucht), durch den ich einfach juchzend, grinsend und voller Freude durchgerannt bin. Dies sind die Momente, in denen ich weiß, warum ich so gerne laufe. Vielleicht ein Runner’s High – oder auch nur ein Irrer mehr im Wald.
Nach diesem Abschnitt kam allerdings die Rechnung, in Form der harten Tour. Was es vorher mäßig bergab ging, ging es nun bergauf. Ich schnaufte, keuchte, stöhnte und schob mich die Berge und Hügel hinauf. Immer wieder ging es runter und rauf und das schlimmste war, dass der Abschnitt wesentlich länger war, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er wollte kein Ende nehmen und als scheinbar immer wieder die gleichen Wege und Abschnitte kamen, dachte ich schon, dass ich im Kreis laufe.
Irgendwann war jedoch auch das geschafft und es ging runter zu den bekannten letzten 10 Kilometern. Die hatte ich wirklich noch gut in Erinnerung und fühlte mich beinahe „zu Hause“ dort. Das Problem war bloß, dass ich zum einen den Weg dorthin völlig falsch eingeschätzt hatte (und somit trotz GPS durch den dunklen Wald geirrt bin, bis ich den Weg wieder gefunden hatte) und zum anderen, dass ich einfach völlig am Ende war.
Die letzten, allerletzten Kilometer – also 4, 3 und 2 Kilometer vor dem Ziel – waren die härtesten des ganzen Rennens. Ich wusste nicht, ob ich mich noch so lange auf den Beinen halten könne, dass ich es wirklich ins Ziel schaffe oder ob ich vorher nicht einfach am Wegesrand einschlafe. Kopf und Körper haben miteinander gerungen und ich war mir nicht sicher, wer gewinnen würde.
 
Aber auch die schlimmsten Kilometer gehen mal zu Ende und wie Bernd immer sagt: „Was sind schon 7 Kilometer im Leben eines Ultraläufers“.
 
Im  Ziel angekommen, konnte ich nur noch sitzen, stieren, Suppe löffeln und dann im Hotel nach einer heißen Dusche ins Bett fallen. Keinen Schritt mehr!
 
Und wieder bewahrheitet sich der alte Spruch: „Der Schmerz geht vorbei, der Stolz bleibt“. Der Zeh schmerzt längst nicht mehr, die Erinnerungen an den R2K sind inzwischen so verblasst und verschwommen, dass ich ernsthaft überzeugt bin, dass es doch ein ganz nettes Läufchen (tatsächlich Diminutiv!) war und ich mir den nächsten 100-Meiler schon wieder vorstellen könnte. Allerdings nicht, wie wahnwitzig geplant, im Mai in Eulenburg (da werden es lediglich 32 oder 64 km – ich will ja auch was vom Wochenende haben) – aber das Jahr ist ja noch lang.
Auf der Urkunde, die wir bekommen haben, stand nicht nur die Zeit und die Strecke, sondern als Beigabe noch ein psychologischer, anerkennender Schulterklopfer zum Run2KiLL, bei dem ich einfach nur grinsen konnte:
 
„First for the show!
Second for the glory“
 
Danke an Micha und Susanne für den tollen Lauf!
 
Stefan
 
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4 Antworten to “… second for the glory”

  1. Frank Says:

    Super Stefan, jetzt kann ich auch verstehen, warum Du beim Eulenburg doch nicht die volle Distanz machen willst.
    Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung.

    Viele Grüße
    Frank

  2. Elke Says:

    Eine enorme Leistung hast Du vollbracht, lieber Stefan. Sei feste umärmelt und beglückwünscht.
    Sag, wäre es nicht vergnüglich, zumindest darüber nachzudenken, ob „the second for the glory“ Dich im September von Hamburg nach Bremen laufen könnte?

    Doch jetzt: Freuen am Erreichten!

  3. Elke Says:

    Ja, Stefan da mag ich wieder mitlaufen.

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