Yetmis – Sprachnörgler

Ich weiß gar nicht, ob ich mich so oft über Bild mokieren darf bzw. kann, ohne dass ein Anwalt vor der Tür steht – eventuell sogar verkleidet als Wüstenrotmann. Aber was sich die Zeitung da wieder geleistet hat – das unterstreicht den ganzen Satiregehalt und ist – wenn es nicht so traurig wäre – zum Brüllen komisch. Nachzulesen ist das ganze im Bildblog-Gastbeitrag von Anatol Stefanowitsch.

Es geht um Sprache und den Umgang mit ihr. Ein hochinteressantes Thema in meinem Augen, denn ich bin überzeugt davon, dass unsere Sprache unser Denken formt (und nicht nur andersherum) und unser Denken unsere Persönlichkeit. So ganz stimme ich Herrn Stefanowitsch spontan erst mal also nicht zu, wenn er sich pauschal über „Sprachnörgler“ aufregt (wobei er bestimmt wirklich reine Nörgler – also Meckerköppe meint – dann ist das auch wieder ok) – aber wo ich ihm vollkommen zustimme, ist die Aussage, dass eine Sprache gelebt werden muss und selbst lebt. Sie „durchlebt“ eine Evolution: Wörter kommen in Mode, verbrauchen sich, verschleißen und sterben schließlich aus, wenn andere Wörter nachrücken. Und nicht nur Wörter, auch (Satz-)Konstruktionen, Wendungen, grammatikalische Formen usw.
Man kann den Trend (oder Hang ;-)) zum Anglizismus gut oder schlecht finden – er ist einfach vorhanden und ich denke, die Qualität einer Sprache (wenn diese denn überhaupt Gegenstand einer Bewertung sein soll) zeigt sich auch darin, wie gut sie die Einflüsse anderer Sprachen in die eigene Ausdrucksform übernehmen kann.

Aber zurück zum Artikel: In diesem hat die BILD-Zeitung einen „Sprachtrainer“* „angeheuert“ – also eher: von ihm abgeschrieben -, der die 10 fiesesten Fehler der deutschen Sprache untersucht. An dieser Stelle den Superlativ zu verwenden, halte ich schon mal für gewagt, aber was dann bei diesem „Experten“ herauskommt – das ist einfach wahnwitzig 😀

Und das allerschärfste dabei: Anatol Stefanowitsch hat sich einfach mal 3 Tage Zeit genommen, die BILD-Zeitung studiert und überprüft, wie sehr sie sich an ihre eigenen Tipps halten. Wie zu erwarten, kümmert es sie einen Dreck, was sie gestern (oder sogar noch am selben Tag!) geschrieben haben – ganz davon abgesehen, dass es die eigenen Redakteure wahrscheinlich sowieso nicht lesen. Und das entlarvt mal wieder die BILD´sche Doppelmoral.

qed

*Wie ich gerade gesehen habe, ist Andreas Busch nicht nur Sprachtrainer, sondern auch eine Koryphäe für Reiseversicherungen, Kraftstoffe, Einbrüche und sonstige Themen, die einfach nicht weglaufen können.

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10 Antworten to “Yetmis – Sprachnörgler”

  1. kuddels Says:

    @ Sprachnörgler!
    Beim Durchstöbern div.Blogs rollen sich mir die Fußnägel auf, bei dem „Deutsch“, das ich gezwungen bin , dann zu lesen.
    Aber nun zum „Leben“ einer Sprache:Die plattdeutsche Sprache ,z.B. ist so eine Sprache die „gelebt“ wird.“ De plattdütsche Spraak is uns Oart“ hat Fritz Reuter einmal in einem seiner Gedichte gesagt.(In „De Eekboom“ )
    Ich bin „plattdeutsch“ aufgewachsen und Platt ist meine Muttersprache.Ich lebe diese Sprache,sie gehört zu mir und sie hat mich mit all ihrer Schönheit geprägt.Gruß K.

  2. Dietrich Says:

    Mein Kommentar bei Anatol S.:

    Sprache lebt – sie ist eben nicht Mathematik oder Kybernetik.

    Ich selbst bevorzuge zwar eine möglichst eindeutige und damit auch direkte Ausdrucksweise (und höre sie auch gerne), muß aber auch andere Sprech- bzw. Sprachstile akzeptieren – oder die Kommunkation erstirbt. Aber Wörter sind nur selten eindeutig; AS hat dies eindrucksvoll belegt.

    Trotzdem gefallen mir einige Deutsch-Entwicklungen der jüngsten Zeit nicht; drei Beispiele seien gestattet:
    – Nach „weil“ folgt gemäß der deutschen Grammatik ein Nebensatz (konjugiertes Verb am Ende), man hört aber fast nur noch einen folgenden Haupsatz (wie z.B. nach „denn“), und dies sogar in sogenannten Qualitätsprogrammen von Radio und TV.
    – „Sinn machen“ empfinde ich gegenüber dem deutschen „Sinn haben“ (also sinnvoll sein) trotz seiner epidemischen Verbreitung immer noch als „schmerzhaft für die Ohren“.
    – Niemand (selbst Guido Knopp nicht; auch „ehemaliges Römisches Reich“ habe ich noch nicht gehört) spricht vom „ehemaligen Dritten Reich“: Jedem ist klar, daß es sich um Deutschland zwischen 1933 und 1945 handelt.
    Warum dann „ehemalige DDR“ (noch schlimmer ist „ehemaliger Osten“), wenn nicht politische Implikationen (bestenfalls Gedankenlosigkeit) der Sprecher zugrunde liegen?
    Daß „ehemalige DDR““ von bestimmten Politikern und sogenannten Leitmedien favorisiert wird zeigt, daß die bewußten Verwender dieses Begriffs der DDR ihre Existenz bis heute nicht verzeihen können (Hermann Kant sagte sinngemäß: „Wir haben uns ihnen weggenommen.“).

    Abgesehen von möglichem Sprach-Purismus gilt doch im gesellschaftlichen und engeren politischen Umfeld nach wie vor:
    Wer bestimmte Begriffe oder Floskeln mit allgemein akzeptierten Inhalten besetzen kann, hat auch (ideologischen!) Einfluß auf das Denken.
    Auch hierfür drei Beispiele:
    – Nimmt der Arbeitnehmer wirklich Arbeit oder gibt er nicht doch seine Arbeit(skraft)? Da ist selbst das deutsche Steuerrecht genauer, indem es von „Einkommen aus nichtselbständiger Arbeit“ spricht.
    – Was war am „Nationalsozialismus“ national (im besten Wortsinne, nicht nationalisitisch) oder sozialistisch? Statt von NS-Diktatur wäre besser und viel genauer von Faschismus zu sprechen.
    – „Karl-Marx-Stadt“ (falls es noch irgendwo ein anderes geben sollte: in Deutschland) ist auch nicht „ehemalig“; es war der Name des sächsischen „Ruß-Kams“ (auch „sächsisches Manchester“ genannt) an der Chemnitz von 1953 bis 1990; die in diesem Zeitraum dort Geborenen mögen auf ihre Geburtsurkunde und ihren Personalausweis gucken.

    • 99woerter Says:

      „Karl-Marx-Stadt“ – eine kenne ich noch 🙂
      Bin erst am Samstag mit Mirko dort hineinspaziert 😉

      Aber danke! Wenn ich so denke, komme ich mir doch ein bisschen nörglerisch vor – aber ein wenig Nörgeln ist bestimmt ab und zu notwendig. Und ich möchte nicht sagen, dass es Not tut!

      • Dietrich Says:

        Meinst Du Trier?
        Wenn nicht, dann entschuldige bitt meine Unwissenheit und kläre mich auf. Ich will ketzt VK-gemäß NICHT googeln 🙂

  3. kuddels Says:

    @ Dietrich.
    Noch schlimmer finde ich “ W Ä R E „–„W Ü R D E „.
    Würde ich sagen,z.B.
    Wenn Du darauf im TV z.B. achtest, stehen Dir die Haare zu Berge(im Grunde genommen auch Quatsch, nicht?)

    • Dietrich Says:

      Genau !!!
      Ich frage dann manchmal „Wann denn?“ oder sage direkt „Na, dann tu’s doch!“

  4. kuddels Says:

    @ 99 Woerter.
    „Das tut Not“——————–Du bist aus NF (Nordfriesland) ???
    Deit dat Not?, oder Dat deit Not!So seggt man bin uns to Huus.V.G. Kuddel

  5. kuddels Says:

    @ Dietrich.
    Du meinst sicher Cemnitz

  6. kuddels Says:

    Chemnitz

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