10 – Alltag

In den letzten Tagen habe ich bewusst hauptsächlich über alltägliche Dinge im Blog geschrieben. Über die Lügen der Bild-Zeitung, Dienstreisen, Fußball, Sonntagsverrichtungen usw. Dies verzerrt das Bild wahrscheinlich ein bisschen, da meine Gedanken viel öfter bei meiner verstorbenen Oma sind, aber ich habe gemerkt, dass es geradezu therapeuthisch ist, über diese Banalitäten und Alltäglichkeiten zu schreiben oder sie bewusst zu machen, anstelle die traurigen Gedanken auszuschütten.

Schon merke ich es, die Tasten stocken, ich verfalle in eine melancholische Stimmung und weiß nicht so recht, was ich sagen soll. Wenn ich an meine Oma denke, sehe ich sie immer vor mir sitzen in ihrem Fernsehsessel, einen Rätselblock in der Hand (in den letzten Jahren häufig ein Sudoku) und rätseln. Was natürlich aber nicht hieß, dass der Fernseher nicht auch parallel läuft. Meine Oma war eine richtige Fernseheule und so ziemlich die erste Erinnerung an Besuche bei ihr ist, dass der Fernseher sogar beim Frühstück lief.

Weitere schöne Bilder im Kopf sind die Erdbeeren mit Zucker, die sie mir im Sommer gemacht hat, wenn ich da war (niemand konnte die so gut wie sie – mit gerade der richtigen Menge Milch). Ein Ausflug auf den Kyffhäuser oder zum Sommerski-Fahren (noch zusammen mit meinem Opa). Oder wenn sie mit ihrem (zugegebenermaßen: etwas hässlichen) Schlafanzug noch mal die Nase ins Zimmer steckte und mit ihrer leicht rauen Stimme hineinrief: „Gute Nacht, mein Spatz“. Oder Frühstücken auf Brettchen. Oder das Aschenbecherkarussel (obwohl meine Oma schon vor Jahren aufgehört hat, zu rauchen). Oder ….

So bleiben die Bilder von dem geliebten Menschen zurück. Sowohl der Alltag als auch die besonderen Erlebnisse. Welche Bilder dies sind, können wir uns zu Lebzeiten kaum aussuchen und dies ist auch gut so. Schließlich bildet sich das Leben die eigenen Geschichten, wächst die Erinnerung organisch und prägt uns mehr als dass wir sie prägen. Ich hoffe, dass diese gemeinsamen Erlebnisse noch lange lebendig bleiben, denn damit lebt Oma Anitta in mir und in uns allen weiter.

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2 Antworten to “10 – Alltag”

  1. Billy Says:

    Ja, Stefan, in unseren Erinnerungen leben die Verstorbenen weiter.
    Schön, wenn es dann solche liebenswerten Kleinigkeiten sind, an die wir denken. Meine Omas sind schon seit 30 Jahren und mein Vater seit über 10 Jahren tot, aber es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke und mich an so vieles Schöne erinnere oder feststelle, dass ich etwas genau so mache, wie sie.
    Und es macht mich froh, dass ich Kinder und Enkel habe, die vielleicht auch so die Erinnerung an mich wachhalten werden.

    LG und ein schönes Weihnachtsfest wünscht Dir
    Billy

  2. Hoppelchen Says:

    Lieber Stefan, wenn ich mal Enkel haben sollte dann möchte ich so ein Exemplar wie Dich. So viel Liebe spricht aus Deinen Worten – ich bin sicher Deine Oma wusste das und war darüber sehr glücklich. Und ich bin sicher dass sie auf diese Weise immer lebendig bleiben wird – einfach weil Du immer an sie denken wirst. Wie wunderbar das ist.

    Ich wünsche Dir schöne und besinnliche Weihnachtstage.
    Silke

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