127 – Jetzt ist alles da

Was man nicht alles vergessen kann, für die Urlaubsreise einzupacken! Ich dachte wirklich, dass ich diesmal an alles gedacht hätte – schließlich musste ich erst neulich für den Baltic-Run packen -, aber nein! Das quasi kulturell wichtigste Accessoire hatte ich vergessen: Die Bibel.

Nun dürfte aus den vergangenen 500 Blog-Einträgen schon ziemlich deutlich geworden sein, dass ich am ehesten Agnostiker bin, aber ich habe dieses kleine Zeugnis von Kultur, Geschichte und Glauben dennoch immer gern um mich herum. Sei es, damit ich ein Zitat, das mir irgendwo entgegenspringt, nachschlagen kann, sei es zum stillen Blättern, aber auch um ein Stückchen Vertrautes – etwas wie Heimat – auch in der Ferne immer bei mir zu haben.

Das gute an der Bibel ist, dass man sie in fast jedem Ort bekommen kann und so schlug ich auf meiner gestrigen Laufrunde einfach den Weg in die Rostocker Innenstadt ein und schlüpfte in den dortigen Thalia-Buchladen. Zwei Stockwerke voll mit Bedrucktem. Schön aufgereiht und sortiert, wie ich es von meinen Thalia-Buchhandlungen aus Berlin kenne und ja: Hier muss ich mich einmal outen! Normalerweise bin ich kein Freund von großen Ladenketten. Ich finde kleine Geschäfte, wo der Inhaber noch selbst hinter der Theke steht und einen berät, einfach schöner, gemütlicher, ja: romantischer. Auch in kleine Buchläden gehe ich sehr gerne, ein Beispiel hierfür ist derjenige am S-Bahnhof Kaulsdorf, schätzungsweise 30 Meter im Quadrat. Aber ja: Ich gehe besonders gerne in große Buchläden, wie Thalia oder Hugendubel. Dort, wo ich stundenlang an den Regalen entlangschlendern kann, die Titel unter meinen Augen hinfliegen und eine flüchtige Spur, fast einen Geruch ähnlich, im Gedächtnis hinterlassen. Dort, wo ich mich zum Lesen und Stöbern auch mal in eine Ecke setzen kann, bestenfalls mit einem Kaffee in der Hand und wo ich eintauchen kann in neue, unbekannte Welten.

Ich weiß: Für die Ladenketten läuft es letztendlich auf Verkaufszahlen und Kommerz hinaus. Für mich ist es aber ein Lebensgefühl.

Was ich neben dieser ganzen Abschweifung eigentlich sagen wollte: Ich habe sie bekommen, meine Bibel. Und zwar eine Ausgabe, die ich schon öfter in der Hand hatte, aber bisher immer noch mal zurück ins Regal gelegt hatte. Es ist die Benedikt-Bibel. Zwar ist diese u.a. von der BILD-Zeitung herausgebracht worden (weshalb ich sie eigentlich boykottieren wollte), aber sie liegt wirklich gut in der Hand und hat aus meiner Sicht eine gute sprachliche Übersetzung. Ein hübsches Layout der einzelnen Absätze runden die Sache ab und machen sie zu meiner diesjährigen Reise-Bibel.

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4 Antworten to “127 – Jetzt ist alles da”

  1. Dietrich Says:

    Ich hatte meine erste (und bisher einzige) Bibel im Alter von knapp 15 Jahren selbst gekauft (wenn ich mich recht erinnere, sogar in der Wittenberger Schloßkirche und sehr zur Verwunderung meiner Eltern).
    Dieses offiziell-evangelische Exemplar liegt gerade mächtig gebraucht vor mir, in jüngtser Zeit gelesen fast ausschließlich von Deinem Bruder.
    (Vom Kauf eines Nachdrucks einer Original-Luther-Bibel schreckte mich der Preis ab.)

    Meine (bisherige – denn alles außer dieser Klammerbemerkung ist relativ) Erkenntnis ist zu diesem Werk ist:
    Interessante Geschichten und und lehrsame Gleichnisse (z.B. Micha IV), beachtenswerte moralische Prinzipien für den Alltag (leider abgehoben von konkreten Bedingungen und daher sehr auslegbar, wie wir tagtäglich erleben dürfen, z.B. durch Militärgeistliche), aber zusammengefaßt ähnlich einzuschätzen und interpretierbar – auch wenn dies respektlos klingen mag – wie beispielsweise „1001 Nacht“, wenn auch wirkungsmächtiger. (Wenn man die Entstehungsgeschichte verschiedener Werke bedenkt, ist dies auch nicht verwunderlich…)

    Bei – ganz allgemein – neuen Entdeckungen in verschiedenen Wissenschaften (Biologie, Geologie. Astronomie, Kosmologie, aber auch Physik der Elementarteilchen, Genetik und meines Erachtens sogar Philosophie, Ökonomie, Soziologie und Psychologie / nur nicht die Mathematik, denn diese kann als Wissenschaft von möglichen – später oft auch als real endeckten – Strukturen letztlich, abhängig von den gesetzten Grundvoraussetzungen (Axiomen), alles beweisen, manchmal sogar 0=1) muß sich die Religion doch in immer mystischere Gebiete zurückziehen:
    Wunder (Dein Onkel war gerade aus touristischem und pädagogischem Interesse in Lourdes), Urknall als Ort göttlichen Wirkens, vor- und/oder nachirdisches Leben (mit oder ohne 40 Jungfrauen) und vieles mehr.
    (All das wollen einem die vielen christlichen – ganz wertfrei – Sekten erklären: die Katholiken (selbst aus einer einst eine jüdischen Sekte hervorgegangen), die Orthodoxen und die Protestanten (jeweils in allen ihren Spielarten), sowie die „Zeugen“, die „HLT“ in verschiedenen Ausprägungen, die „Christliche Wissenschaft“, die“Bibeltreuen“, die Anglikalen, Baptisten, Quäker, Amish und all die die anderen, von den vielfältigen Christlich-Evangelikalen und manch sonderlichen und abgesonderten Gemeinschaften (u.a. Jesuiten) und Bruderschaften (z.B. Pius-Bruderschaft) ganz zu schweigen; und die islamischen Richtungen, jüdischen Ausprägungen, asiatischen Religionsspielarten sind bestimmt nicht weniger verzweigt und hier noch gar nicht erwähnt, ebenso wie die vielen noch praktizierten Naturreligionen von „Voodoo“ über Opfererbringung bis hin zu religiös motiviertem echtem oder geistigem Kannibalismus – eventuell schließt sich der Kreis sogar irgendwo.)

    Was will ich eigentlich sagen?
    Neben der Bibel (die selbstverständlich unsere Umwelt, das sogenannte christliche Abendland, kulturell ganz wesentlich geprägt hat – zivilisatorisch und inquisitorisch, obrigkeitshörig und selbstbewußt, dogmatisch und reformatorisch), hätte ich noch einige – durchaus ernstgemeinte – Text-Vorschläge, denn der aufgeschlossene, kritische Mensch (und das habe ich in den letzten drei Jahrzenhnten nicht nur gelernt, sondern auch durch die Entwicklung bestätigt bekommen) ist offen und vielseitig interessiert:
    – Goethes „Faust“ (insbesondere Teil 1)
    – Schillers „Wallenstein“
    – „Hamlet“ und „Macbeth“ von Shakespeare
    – Wilhelm-Busch-Werke
    – Geschichten aus 1001 Nacht
    – Mark-Twain-Werke
    – Bertolt-Brecht-Werke (insbesondere „Galilei“, aber auch die theoretischen)
    – Sternentagebücher und „His Masters’s Voice“ von Lem
    – Marx‘ „Deutsche Ideologie“ und „Das Kapital“ (Band 1)
    – Immanuels Kants „Kritiken …“ (Hegel finde ich noch viel schwerer verdaulich, dann schon eher Spinoza)
    – „Die verlohrene Ehre …“ von Böll
    – „Der Aufenthalt“ von Hermann Kant (aber auch viele seiner anderen Bücher, insbesondere „Die Aula“)
    – „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf (das neue kenne ich noch nicht)
    – Dürrenmatt und Roald Dahl
    – Moore’s „Fahrenheit 9/11“ und „Columbine“
    – Balzac und Dickens
    . Donna Leons Venedig- und Mankells Wallender-Krimis
    – Heym, Strittmatter (beide), Prokop, Loest, Johnson, Fühmann
    – Luxemburg, Wagenknecht, Leonhardt, Haffner, Pätzold, Weißbecker …

    So viele Bücher für eine einsame Insel (die berühmte Frage);
    und noch mehr weggelassene (Verzeihung den Autoren, auch für meine eurozentristische Auswahl).
    Und neue Medien, die heutzutage völlig alltäglich sind, wie DVDs mit guten Filmen (z.B. „Modern Times“ und „Der große Diktator“ von Chaplin, die großen Russen und anderen Sowjetfilmer, Franzosen der Nouvelle Vague, Kazan, Bergmann, Bertolucci , „Don Camillo“ und „Olsen-Bande“, „Amèlie“, „Findus“ und „Pippi Langstrumpf“, „Nonni und Manni“ und viele andere) oder guter Musik (Theodorakis, Beethoven, Gershwin, Mozart, Bach, Beatles, Stones, Doors, Sting, Jethro Tull, Yes, Silly, Pink Floyd, Jarre, Gundermann, Kunze, Wecker, Wader, Mey, Gerhard Schöne, Degenhardt, Renft, Grönemeyer, Sibelius, Veronika Fischer, Tina Turner, Mike Oldfield, Elton John, Falco, Andreas Vollenweider, Lorrena McKennit) …

    Fängt man einmal an aufzuzählen, findet man gar kein Ende.
    Dies machte die Reduktion auf EIN Werk ja wieder verständlich, kann aber auch zur Verarmung führen.

    Zum Schluß noch ein Bibel-Gegensatz (obwohl auch dort von ihnen die Rede ist) zum Abgewöhnen:
    Der „Hexenhammer“, auch etwas „Christliches“ und interesanterweise jünger als die Altersdifferenz zwischen Islam und Christentum – Honni soit, qui mal y ponse.
    (Noch mehr zum Abgewöhnen enthalten Rosenbergs „Mythus …“ und Hitlers „Mein Kampf“, von denen ich allerdings nur marginale Auszüge kennengelernt hatte. Zu „Mein Kampf“ gibt es einen sehr guten sowjetischen Dokumetarfilm (ich denke, aus den 1960ern von Michail Romm), der wohl heutzutage sicher nicht so einfach zu beschaffen sein mag.)

    All‘ die aufgezählten Werke würden mir meine vergessene, Deine wahrscheinlich sogar mit Randbemerkungen versehene Bibel gut und gern ersetzen, und zwar mehr als eine neue, nackte Bibel-Ausgabe, so schön sie auch sein mag (die wäre für mich höchstens von bibliophilem oder synoptischem Interesse).

    Aber einen – auch literarisch, kulturell – schönen Urlaub wünscht Euch
    Dietrich

  2. 99woerter Says:

    Oh, ich sehe schon: Da war die Überschrift wohl etwas zweideutig und hat zur Vervollständigung aufgerufen. So war das „Alles“ aber gar nicht gemeint. Ich wollte gar nicht behaupten, dass mir die Bibel alle anderen Kulturgüter ersetzt. Sie ist zwar „mehr“ als viele andere Bücher – nicht umsonst habe ich auch Ausgaben in verschiedenen Sprachen und unterschiedliche deutsche Ausgaben, wie die Luther-Bibel, die Elberfelder oder die Einheitsübersetzung -, aber sie ist kein Äquivalent für ein umfassendes Bücherregal (mein CD-Regal ist leider nicht so gut bestückt, ganz zu schweigen von meiner Videothek).

    Nicht ohne Grund habe ich mir neben der Benedikt-Bibel (bisher) auch die folgenden Bücher gekauft:

    – Daniel Glattauer „Darum“
    – Frank McCourt „Die Asche meiner Mutter“
    – Thomas Bernhard „Alle Romane“
    – Terry Pratchett „Der ganze Wahnsinn“

    Und auch bei dem aufgeführten Literatur-Kanon hatte ich ein „ruhiges Gewissen“, da viele Bücher davon schon im Regal stehen und einige auch schon gelesen sind. Wir heißen euch hoffen….

    Aus schönem Urlaub sendet Grüße

    Stefan

  3. Dietrich Says:

    Oh je, ich merke schon:
    Mein, auch zur Selbtsreflexion und sowieso viel zu lang geratener Kommentar hat Dich in eine Erklärungssituation gebracht.
    Tut mir leid, das war keineswegs beabsichtigt.
    Ich wollte auch keinen Kanon aufstellen, fühlte mich nur an die berühmt-berüchtigte Frage erinnert, welches Buch man auf eine einsame Insel mitnehmen würde; und diesbezüglich fiel mir eben so manch‘ anderes ein.
    Außerdem hatte ich nicht bedacht, daß Du ja Bibel-Ausgaben sammelst.

    Entschuldigende Grüße
    Dietrich

  4. 99woerter Says:

    War nicht als Erklärungs-Not verstanden, sondern als nette Ergänzung und anregende Liste 😉

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