AABBBA – Zeitsprung in Bremen

Gegen 23 Uhr war die Nacht erst mal zu Ende und ich brauchte gut 10 Minuten um mich und meinen Körper an diesen Gedanken zu gewöhnen. Mein Geist brauchte noch mal 15 Minuten länger, aber wenn der nicht so schnell hinterherkommt, ist das nicht so schlimm – der muss beim Laufen ja nicht so viel machen. Kevin, der noch bei einem Freund gewesen war, als wir uns hingelegt hatten, entschloss spontan mitzukommen und ließ sich trotz aller Warnungen vor Kälte und Langeweile („Da sind einfach 40 Bescheuerte, die nachts nichts besseres zu tun haben, als 42 Kilometer zu rennen!“) nicht davon abhalten. So machten wir uns also zu dritt auf den Weg nach Bremen Vegesack (eine halbe Stunde Weg über die Autobahn) und rieben uns erst einmal verwundert die Augen, als wir am Hafen der Vegesacker Fähre nicht, wie erwartet, mehrere Dutzend Marathonis sahen, sondern stattdessen nur die etwas unspektakuläre Bremer Nacht. Aber: Ein kleiner Hinweis ergab sich, als wir links von uns jemanden am Auto stehen sahen, der etwas anhatte (noch nichts ungewöhnliches), was wie eine Jogginghose aussah (nachts um 12 Uhr in Bremen schon etwas ungewöhnliches). Diesen Sportsfreund schnappten wir uns, fragten nach dem Start vom Marathon und bekamen die Erklärung, dass sich Damian und Helmut (die beiden Organisatoren) gleich um die Ecke, am Weser-Ufer, befanden.

Und siehe da: Als wir auch einen Blick um die Ecke warfen, stand im Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, ein einzelnes Wohnmobil, dessen Licht heimelig in die Nacht leuchtete. Unter dem Vordach des Wohnmobils war ein Tisch mit Äpfeln, Cola und Tee aufgebaut und vor diesem standen wiederum drahtige Leute im Alter von ca. 40 bis 60 Jahren. Kurz: Es deutete alles auf eine Marathon-Veranstaltung hin und spätestens als mein Name auf einer der Listen zu finden war, wussten wir: Hier sind wir richtig. Allerdings war dieser Platz, als wir die Startnummer hatten, ein wenig suboptimal, da der Regen anfing uns die Jacken zu durchweichen. So flüchteten wir uns unter das Vordach des nahegelegenen Hotels mit dem poetischen Namen „Strandlust“ – bei Nacht war es nicht deutlich zu erkennen, aber für mich sah Bremen Vegesack eher wie Industriegebiet als Traumstrand aus – und trafen prompt ein paar Mitleidende, die sich auch für den Marathon gemeldet hatten. Kurz erzählt, wo wir herkommen, Ahhs! und Ohhs! geerntet und just in diesem Moment entstand die Idee, doch im nächsten Jahr einen Zeitsprung-Marathon in Berlin auszurichten.

Was das Wetter anging, dachte ich nur: Och nee! Nicht schon wieder. Vom Regen hatte ich nach Usedom und Kaltenkirchen erst mal genug – dies schien aber nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen und so sah es aus, als ob es sich langsam einnieselt. Eine Viertelstunde später – es war mittlerweile kurz vor 1 Uhr und es sollten alle Läufer da sein – fand eine kurze Einweisung statt. Sie fiel sehr kurz aus, da die Strecke wirklich alles andere als kompliziert war: „Ihr lauft das Stück (immer geradeaus, immer an der Weser) runter bis zu dem Schiff, das an Land liegt (= 1 km), vor dem Schiff links rum, zurück und bis zur zweiten Laterne dort und wieder wenden. Das ganze 21 mal und dann freut ihr euch, dass ihr es geschafft habt.“ – So lautete zusammengefasst der Einleitungstext. Gemeinsam ging es dann noch ein Stückchen landeinwärts, um die ersten 195 Meter des Marathons zurückzulegen. Kurz von 10 runtergezählt und dann ging es los.

Helmut wetzte erst mal mit den schnellsten voran, wahrscheinlich damit diese keine Zeit verlieren, ließ sich dann aber wieder zurückfallen und schnackte auch mal ein bisschen mit den anderen Läufern. Dabei fiel mir auf, dass gerade er es war, der mit seinem Laufshirt und seinen Erzählungen im letzten Jahr in Kaltenkirchen mein Interesse für den Zeitsprung-Marathon in Bremen geweckt hat – quasi vom Veranstalter perönlich geworben :-). Die Strecke zog sich dann, wie gesagt, immer an der Weser hin, schön flach und immer aus Asphalt (ganz kleine Abschnitte mit Kopfsteinpflaster – kaum der Rede wert) und so gingen die ersten Runden flott und entspant um. Bloß ein wenig Muskelkater bzw. Muskelmüdigkeit machte sich schon da bemerkbar. So lief erst einmal alles gut bis zur Hälfte.

Und dann kam der Mann mit dem Hammer! Man sagt eigentlich, dass beim Marathon ab Kilometer 35 der anstrengende Teil kommt. Ich kann das von mir nicht sagen, denn wenn es anstrengend wurde, dann aber Kilometer 25, +/- 4 Kilometer. Diesmal waren es minus 4 Kilometer und so kam ich mir auf der Hälfte der Strecke schon so fertig vor, dass ich am liebsten am Versorgungsstand stehen geblieben wäre und gesagt hätte: „Für heute kein Marathon, tut mir leid.“ Zum Glück befand sich die Hälfte genau auf der andreren Seite der maritimen Meile, sodass ich dort schlecht aufhören konnte und als ich dann wieder am Getränkestützpunkt war (und mich auf die Versorgung stürzte), dachte ich mir, dass ich ja jetzt schon mehr als die Hälfte geschafft hätte (22 Kilometer) und deswegen auch ruhig weiterlaufen könnte.

Die nächsten Runden waren dann eine ziemliche Qual: Die Füße taten mir weh (insbesondere wieder der obere Teil des Fußes, ungefähr wo die Schleife vom Schnürsenkel sitzt), die Muskeln waren erschöpft und brannten und überall machte sich die Ermüdung breit. Aber ich hielt mir in Gedanken immer wieder vor, wie viel ich schon geschafft hatte und wie viel noch zu laufen ist (mein Mantra lautete: „Alles, was ich kenne, ist 12 und 9“ mit jeweils wechselnden Zahlen für geschaffte und noch zu absolvierende Runden) und das hielt mich auf den Beinen. Letztendlich wurde ich dafür auch mehr als belohnt, denn die letzten 3 Runden (6 Kilometer) waren ein Fest: Plötzlich schienen die Schmerzen vergessen, die Müdigkeit wie weggeblasen, mit federndem Schritt sprang ich förmlich dem Ziel entgegen – so fühlte es sich jedenfalls an – und erreichte so nach 4:22:58 Stunden das selbige.

Der Regen hatte zwar schon ungefähr eine halbe Stunde nach dem Start aufgehört, da ich aber extra die Jacke angezogen hatte, war ich von innen her so nass geschwitzt, dass ich es vorzog, statt noch mit den anderen über den Lauf zu schwatzen, zum Auto zu gehen, nach Hause zu fahren und die nassen Klamotten vom Leib zu kriegen. Ach ja: Und eine heiße Dusche zu empfangen!

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Eine Antwort to “AABBBA – Zeitsprung in Bremen”

  1. AAABABA – Mein Jahr 2009 « Täglich laufen Says:

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