ABBA – Von Hirn zu Ohr

Mein Papa war es, der mit der Reaktion auf meine binäre Zählung mich auf einen Philosophen zurückgeführt hat, von dem ich bei Precht gelesen hatte und dessen Ansichten sich mir deutlich einprägte. Die Ausgangsfrage war hierbei: Warum gerade „A“ und „B“ statt „0“ und „1“ (oder „L“), wie es der Konvention entspricht?

Nun, ich wollte zum einen zeigen, dass Konventionen „nur“ Konventionen sind – sie finden ihre Bedeutung nur in uns. Das wir uns auf das Wort „Wiese“ für das grüne Etwas da draußen entschieden haben, ist durch so viele Zufälle geprägt, dass es genauso gut „Wurz“ heißen könnte. Und selbst die Konvention für „Wiese“ ist schon uneindeutig: der eine denkt dabei an eine sommerliche Wiese mit Margeriten und Gänseblümchen, andere denken an einen englischen Rasen und wieder andere an den Haga Parken. Und genau da setzt Wittgenstein (so weit ich es verstanden habe) ein: Kann man die Sprache nicht so definieren, dass sie logisch zwingend und klar ist?

In seinem „Tractatus Logico-Philosophicus“ beschreibt Wittgenstein den Aufbau der Sprache – und damit der Realität – nach streng logischen, formalen Gesichtspunkten und baut ein System auf, dass keine Ausnahmen, Doppeldeutigkeiten oder Zwielichte zulässt. Ich muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich bisher nur Zusammenfassungen über den „Tractatus“ gelesen habe – ein Makel, den ich so schnell wie möglich beheben will -, aber mir geht es an dieser Stelle auch nicht um das konkrete Werk, sondern um die Einstellung, die Ludwig Wittgenstein zu seinem Werk hatte. Er hielt es schlicht für den Schlusspunkt der Philosophie. Ähnlich wie für die Muslime Mohammed das „Siegel der Propheten“ ist – nach ihm kommt keiner, er schließt alles ab -, so sah Wittgenstein mit seinem Buch alles erklärt. Und konsequenterweise hörte er auch – zumindest zwischenzeitlich – mit der Philosophie auf.

Man muss sagen, dass das Projekt gescheitert ist. Die Welt lässt sich nicht komplett logisch erklären – jedenfalls nicht durch den Menschen. Eine Sprache, die rein die Fakten des Gesagten ausdrücken will und keinen Platz für Interpretation lässt, ist wie das „Neusprech“ aus George Orwells „1984“: Es verkümmert den Menschen zum funktionierenden Werkzeug, beraubt ihn seiner geistigen Freiheit und dessen, was ihn zum Menschen macht. Deswegen: „Es lebe die Spreche!“

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2 Antworten to “ABBA – Von Hirn zu Ohr”

  1. Dietrich Says:

    Während Du – sicher wunderbar betreut von Hanka – in Bernau 24 besondere Stunden Deines Lebens erleben willst (und damit Deine persönliche Grenze wieder ein wesentliches Stück hinausschiebst), möchte ich zwei kurze Anmerkungen zum philosophischen Teil Deines ABBA-Beitrags machen:

    „…Aufbau der Sprache – und damit der Realität – …“:
    Daß mit der Sprache die Realität aufgebaut wird, kann wohl nicht ganz stimmen.
    Dies bedeutete, Realität wird durch Sprache geschaffen und Nicht-Realität („Virtualität“) hätte keine (Beschreibungs-)Sprache:
    Also beispielsweise keine Sonne vor dem Auftreten von Sprache und keine Phantasie-Geschichten oder Märchen (deren Inhalt wäre stets real – Glückwunsch Harry Potter und Schneewittchen), denn wir könnten es ja gar nicht erzählen oder lesen oder hören.

    „…nach streng logischen, formalen Gesichtspunkten und baut ein System auf, dass keine Ausnahmen, Doppeldeutigkeiten oder Zwielichte zulässt.“:
    Logische, formale Gesichtspunkte einer Sprache sind Inhalt der Grammatik, der Syntax, dieser Sprache.
    Doppeldeutigkeiten oder Zwielichte gehören jedoch zum Inhalt des Ausgedrückten, der Semantik; und hier gelten Konventionen.

    Während sich die Syntax einigermaßen formalisieren läßt (vgl.Turing und insbesondere auch aktuelle Programmiersprachen), „lebt“ die Grammatik bei natürlichen Sprachen bekanntermaßen und somit wird ständig gegen ihre Regeln verstoßen (vgl. Bastian Sick „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“), ohne daß dies notwendig die Verständlichkeit unmöglich macht, diese jedoch in unterschiedlichem Maße erschweren kann.
    Hingegen kann die Semantik nie eindeutig sein.
    Schon allein wegen der (inhaltlichen) Unendlichkeit der objektiven Realität, von der die Menschen im historischen und aktuellen Erkenntnisprozeß immer wieder neue Seiten, Aspekte, Eigenschaften und Zusammenhänge entdecken (wollen), ist es unmöglich, daß ein Begriff ein reales Phänomen eindeutig und umfassend sowie abgegrenzt zu allen anderen Begriffen, d.h. im Wittgensteinschen Sinne, erfaßt.
    Ein (per anerkannter Konvention gebrauchter) Begriff läßt somit immer Interpretationen zu, abhängig vom individuellen und gesellschaftlichen Erkenntnisstand, und unterliegt somit auch Bedeutungswandeln.
    Dies gilt sowohl für Konkreta wie „Wiese“, „Tisch“, „Bett“, „Herd“, „Ofen“, „Laufuntergrund“, „Computer“ usw.) aber in weitaus stärkerem Maße für Abtstrakta wie „Freiheit“, „Demokratie“, „Leistungsträger“, „Kapitalismus“, „Krise“, „Politik“, …, wovon wir in den aktuellen Vorwahlzeiten leidvoll erfahren dürfen.

    Ohne dies wären sowohl Belletristik (und dies Dir als Top-100-Leser!) als auch Umgangs- und sogenannte Jugendsprache sowie auch Euphemismen und damit interessengeleitete Meinungsmache unmöglich – Beispiele kann ich mir sicher ersparen oder Ihr seht Euch morgen abend das sogenannte „Kandidaten-Duell“ auf einem der mindestens vier übertragenden Sender an.

    Wie erlernt ein sprechenlernendes Kind die Grammatik seiner Muttersprache?
    Praktisch, indem es von seiner es prägenden Umgebung (Familie, Erzieher, Personen der näheren Umwelt, aber auch Filme und Hörspiele) lernt, Regeln „abhört“, und bei eigenen Äußerungen – sanft – korrigiert wird. Wissenschaftlich ist dieser Prozeß noch nicht so richtig erforscht; interessant ist jedoch insbesondere die Frage, wie dieser Prozeß abläuft, wenn die nähere Umgebung, insbesondere die Eltern, aus unterschiedlichen Sprachkreisen kommen, wenn also beispielsweise ein Kind einer deutschen Mutter und eines vietnamesischen Vaters mit der Familie in den USA aufwächst. Warum gehen in diesem Falle die Grammatiken nicht durcheinander? Und ist dies wirklich so?

    Und – in diesem Zusammnehang viel interessanter – wie lernt es, die Inhalte der übermittelten Begriffe zu deuten, zu erkennen?
    Zunächst einmal durch den Vergleich mit dem Bereits-Bekannten( die „Initial-Bekannschaft“ – auch von vorher – ist wohl „Mama“), was aufgrund sprachlicher Homonyme aber auch zu (bei Kindern die Erwachsenen oft belustigenden) Fehldeutungen führen kann, weiterhin durch Nachfragen und Bitten um Erklärungen.
    Und selbst Erwachsene, wenn sie denn offen sind für Neues, fragen, informieren sich ständig (heutzutage vorzugsweise im Internet), vergleichen (oft unbewußt) immer mit bisher Bekanntem und als richtig Angenommenem und versuchen, neue Inhalte zuzulassen.

    Dies ist ein – sowohl allgemein als auch persönlich – unendlicher Prozeß, aber immer viel mehr als bloße Konventionsvereinbarung.
    Und somit ist Sprache, sowohl natürliche als auch künstlerische, aber selbst rechentechnisch orientierte, unendlich, sozusagen lebend und offen.
    Natürliche und künstlerische Sprachen leben vor allem mit ihren Trägern und ihren Nutzern. So kommt es, daß Latein ohne Römer weiter existiert (dank u.a. Medizinern und auch der katholischen Kirche) und daß andere, wie Sprachen verschiedener indigener Völker, aussterben.
    Und bei Programmiersprachen läßt sich, obwohl sie in ihrer Gesamtheit doch sehr jung sind, dieser Prozeß ebenfalls erkennen: Diese Sprachen werden weiterentwickelt oder sie gehen unter (werden nicht mehr benutzt oder es gibt unter aktuellen Bedingungen anwendbare Compiler nicht mehr), wobei günstigenfalls ihre Prinzipien aufbewahrt und in einer aktuellen oder künftigen Sprache Anwendung finden.

    Und was die „Binär-Konventionen“ (ABBA=L00L=1001) betrifft:
    Hier sind Konventionen selbstverständlich besonders einfach zu treffen; man muß sie nur kennen.

    Ein Hoch auf den „gemeinsamen Zeichenvorrat“!

    Aber was hat ABBA mit all dem zu tun?

  2. AAABABA – Mein Jahr 2009 « Täglich laufen Says:

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