Tag 60 – Treten, rennen, entspannen

Samstag morgens, 5:10 Uhr, der Wecker klingelt. Was sich wie ein Oxymoron anhört, ist bittere Realität. Meine Unlust aufzustehen leider auch und so gönne ich mir noch 20 Minuten im Bett. Aber halb sechs hilft auch das gutgemeinteste Esistjanochzeit Nurnocheinmalumdrehen nichts mehr und so schäle ich mich, misstrauisch, was ich da eigentlich genau tue, aus den Federn. Die verbleibende halbe Stunde muss denn auch gut genutzt werden: Duschen, Fahrradlampen anschrauben, Wasserflaschen füllen, Radelklamotten anziehen (besonders wichtig: die Pampers-Hose!) und dann – immer noch hundemüde – mit klackernden Klickern und dem Fahhrad über der Schulter die Treppe runter und nach einem, immer noch äußerst skeptischen, Blick auf die Uhr um fünf nach sechs in den Sattel.

So geht sie also los – meine persönliche Große Schleife. Es geht zwar nicht durch Alpen und Pyränen und auch die Vogesen umfahre ich weiträumig – aber für mich ist die Strecke bis Dorf Zechlin (10 Kilometer hinter Rheinsberg) doch eine Herausforderung. Die ersten 30 Kilometer gehen aber sehr locker und relativ  zügig, sodass ich gegen 7 Uhr schon das Ortseingangsschild von Oranienburg sehe und glücklich bin, dass das erste Etappenziel erreicht ist. Hier beginnt die Terra Incognita und entsprechend verlangsamt sich die Geschwindigkeit deutlich, weil ich immer wieder auf den Plan schauen muss, welche Straße ich denn nun endlich links abbiegen muss. Aber auch Oranienburg wird gemeistert und so geht es mit neuer Motivation in Richtung Herzberg. Kurz vor dem Ort will ich Hanka treffen, die netterweise auch früh aufgestanden ist und, ganz die Gute-Seele-Otto, die motorisierte Begleitung übernimmt. Die Motivation hält allerdings nicht so lange an wie erhofft, denn ungefähr bei Kilometer 45 wird das Treten schwer, ich habe (eine völlig neue und überraschende Erfahrung für mich) Kniekehlenmuskelkater und zu Essen habe ich auch nichts dabei – trister Radleralltag. Zum Glück gibt es eine Bäckerei am Wegesrand – doch was für eine Enttäuschung: Obwohl es im Verkaufsraum herrlich wie in der Backstube von Bäcker Rauh (der hatte seine Produktionsstätte im Erdgeschoss des Hauses, wo ich bis ich 4 Jahre alt war, gewohnt habe) und somit wunderbare Kindheitserinnerungen aufsteigen – obwohl es so toll riecht und ich mir mit reichlich Vorfreude zwei Schrippen geben lasse, folgt die Realität mal wieder unvermeidlich auf dem Fuße: Die Brötchen sind so trocken, dass ich sie förmlich in meiner Trinkflasche einweichen muss, bevor ich sie essen kann. Aber na ja, in der Not frisst der Teufel fliegen und ich 3-Tages-Brötchen.

Zum Glück steht Hanka praktisch um die nächste Ecke (die sind in Brandenburg etwas weiter verstreut) und so kann ich das zweite Brötchen gegen Bio-Fruchtschnitte, Twix-Riegel, warmen Tee, Milchbrötchen und Banane eintauschen. Sie hat mal wieder an alles gedacht und mich so vor dem endgültigen Hungerast bewahrt. Die Motivationsberge  und -täler wechselten sich, wie es auch oft beim Laufen passiert, in der Folge ab und so kamen wir nach auszehrenden aber schönen 97 Kilometer in Dorf Zechlin an. Highlight war unter anderem ein „25 Km/h“-Auto, das illegalerweise 30 Km/h fuhr – es war einfach lustig, wie langsam es sich entfernte.

In Dorf Zechlin war es dann so schön, wie die letzten 2 Jahre auch. Ich habe noch ein paar alte Bekannte wiedergetroffen (Maik und Matze und ein paar andere Freunde von Stefan – von denen ich immer wieder die Namen vergesse) und, auch wie jedes Jahr, Stefan war aus Arbeitsgründen nicht da. Er hat aber auch, auf Grund des tollen Wetters, alle Hände voll zu tun. Auf der Laufrunde taten mir die Beine dann nur die ersten 2-3 Kilometer weh, ab dann war es bloß die allgemeine Schwäche, die mich befiel. Aber ich habe es, aus meiner Sicht, dennoch ganz gut durchgehalten und kam mit 1:25:22 Stunden ins Ziel, was bedeutete, dass um halb 1 die anstrengende Arbeit des Tages vorbei war und wir zum gemütlichen Teil übergehen konnten.

Der bestand aus einer Rundfahrt über die Rheinsberger Seen, zu der uns Stefan eingeladen hatte. Er selbst steuerte das Schiff und es war wirklich nett, Kapitän Halbeck über den Bordfunk zu hören. Bei Kaffee und Alster ließen wir es uns 2 Stunden gut gehen  und genossen den Sonnenschein, die frische Brise auf dem Deck und das Grün, dass an all den Bäumen zu sehen war. Abschließend saßen wir mit Stefan noch ein halbes Stündchen beim Kaffee zusammen und haben geplaudert – unter anderem mit dem Plan, dass ich mich als Bürgermeister von Rheinsberg bewerben könnte („Wählt Stefan!“). Dann Rückfahrt nach Berlin und heute abend nur noch entspannen, damit ich morgen am Liepnitzsee die nötige Ausdauer habe – ich bin aber ganz zuversichtlich.

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Eine Antwort to “Tag 60 – Treten, rennen, entspannen”

  1. AAABABA – Mein Jahr 2009 « Täglich laufen Says:

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